Eichstätt nach oben

 

Ich bin dankbar, dass meine Freunde vom Institut für Digitales Lernen in Eichstätt, mir die Möglichkeit für meine erste Ausstellung meiner nach oben-Bilder gegeben haben. Sie hatten auch die Idee, die Bilder in der Ausstellung mit QR-Codes zu versehen, über die man zusätzliche Informationen zu den einzelnen Motiven abrufen kann. Das mache ich noch heute bei jeder Ausstellung. Das Institut ist in der Galerie des Eichstätter Bildhauers Günter Lang untergebracht. Ein toller Ausstellungsraum mit viel Platz nach oben. Die Laudatio hielt mein guter Freund und Kollege Christian Silvester.

 

 

 

Laudatio von Christian Silvester

Sehr geehrte Gäste, lieber Johannes

Mir obliegt die schöne Aufgabe, ein paar einstimmende Gedanken zu Deinen eindrucksvollen Fotos in diesen Raum zu streuen. Übrigens auch ein sehr eindrucksvoller Raum. Der Johannes war anfangs allerdings leicht in Sorge, in diesem wunderschönen, aber kapazitätstechnisch etwas zu lauschigen Atelier nicht genügend seiner picknickdeckengroßen Weitwinkel-Universen unterzubringen. Er fürchtete, im schlimmsten Fall Macao, Hongkong und die kalifornischen Monsterbäume daheimlassen zu müssen, weil sie hier echt nicht reinpassen. Ich habe ihm dann geraten: Klar, kann man machen. Zeig Macao zur Not ab 10. März in Ingolstadt – das passt eh viel besser zu der Stadt. Hauptsache der Eiffelturm ist heute dabei, der surreale Sardinenschwarm – und natürlich die wichtigsten Kirchen, die Kathedrale zu Reims, der Dom zu Aachen, St. Pius Ingolstadt und so. Dezente klerikale Verdichtung ist in Eichstätt nie verkehrt.

Wir sehen: Johannes' Ausstellung „nach oben“ ist großartig, ein visuelles Erweckungserlebnis, sie erweitert den Blick auf scheinbar fad-Bekanntes um ungeahnte Dimensionen, sie lädt millionenfach abfotografierte Objekte mit neuer Faszination auf. Wobei ich hier auch einen kleinen Kritikpunkt anfügen möchte – als Journalist (der Johannes und ich sind in der Redaktion des DONAUKURIER Banknachbarn) darf ich ja auch nicht alles nur total toll finden, sonst heißt es gleich wieder: Ja ja, typisch Systemmedien, immer nur Sonnenschein, nicht ein Staubkorn auf der Linse. Also: Von der Motivauswahl her ist die Ausstellung mir persönlich . . . ein Ideechen zu katholisch.

Wobei es echt nur ein Gerücht ist, dass der Johannes die einst evangelische Frankfurter Paulskirche allein deshalb mit dem Fischaugen-Objektiv fotografiert hat, weil sie längst profanisiert ist. Die unübersehbare konfessionelle Fokusfixierung der Ausstellung auf die Kirche Roms lässt sich freilich heilsgeschichtlich erklären. Der Lutherische hat es, im Gegensatz zum Katholiken, ja nicht so mit der Transzendenz. Deshalb kommt bei Anhängern Luthers „nach oben“ in der Regel nicht mehr allzu viel, weder liturgisch, noch bautechnisch. Der Protestant ringt lieber im ganz und gar Irdischen um Gottes Gnade, deshalb neigt er auch nicht so zur Schöpfung prachtvoller Kuppeln, also ganz anders als der Katholik, dem die Orientierung Richtung Jenseits ja schon in die Wiege gelegt ist. Und so streben eben hauptsächlich gut katholische Kirchen mit kühnen Bögen und mächtigen Kuppeln dem Himmel entgegen – wie erschaffen für Hausers Fischauge. Erst nach einer in Stein gemeißelten Ewigkeit, so scheint es, setzt in allen Kathedralen das statisch-architektonisch Mögliche eine – sicher auch gottgewollte – Obergrenze.
In Gottes freier Natur gibt es keine Obergrenzen, hier wachsen die Bäume auf Johannes' Fotos wirklich in den Himmel. Acht Millimeter Brennweite – der extremste im Handel erhältliche Winkel – öffnet eine bis dato unbekannte ästhetische Reflexionsebene. Die Welt wird – völlig unwirklich – zur Kugel. Ein eigenes 360-Grad-Universum, in dem sich Strukturen auflösen und irrlichternd neu zusammenfließen. Das macht die Bilder so besonders. Nach dem Hauserschen Fischaugenverfahren würde sogar jeder Hobbykeller, ja jede Doppelgarage in avantgardistischer Formensprache grüßen. Und selbst ein freudlos-spröder evangelischer Gemeindesaal entfaltet auf diesem Wege nachgerade barocke Pracht.

Apropos Pracht. Das Fischaugenverfahren vermag auch Menschen in Lichtgestalten zu verwandeln. Die Ingolstädter DK-Lokalredaktion etwa schaute noch nie so dermaßen lässig aus, wie an jenem Nachmittag, da der Johannes einen Kollegenkreis formte, das Fischauge in Position brachte und den Selbstauslöser aktivierte. Herauskam ein richtig cooles Bandfoto im passendem Schallplattenformat.

Auch die Werkgeschichte zu Johannes' Fotos birgt hohen Unterhaltungswert. Zum Beispiel wissen wir jetzt, dass es im Deutschen Bundestag für fotografisches Wirken eine strikte Obergrenze gibt. Der Weg unter Sir Norman Fosters gläserne Kuppel, zweifellos das schönste Oberlicht der Demokratie, war dem Johannes zunächst versperrt. Nach einer Korrespondenz mit der Verwaltung des Hohen Hauses ereilte ihn eine traurige Erkenntnis: Vermutlich ist es sogar einfacher, mit den Aldi-Erben und Lidl-Gründer Dieter Schwarz, von dem nur ein einziges Foto kursiert, eine nette Homestory zu machen als im Plenarsaal des Bundestages außerhalb der Pressetribüne Fotos zu schießen. Aber dann kam unser Ingolstädter Abgeordneter ins Spiel: Reinhard Brandl, man nennt ihn auch den Lichtbildmeister von Berlin, legte dem Bundestagspräsidenten mit lobenswertem kulturellem Beharrungsvermögen besonders gelungene Hausersche Fischaugenensembles auf den Tisch und ans Herz, bis Norbert Lammert – beeindruckt, wie es heißt, eine Ausnahmegenehmigung erteilte.

Ende November erreichte mich schließlich eine SMS vom Johannes. „Ich sitze gerade unter dem Tisch von Claudia Roth!“ – Na Respekt, dachte ich, da ist er ja im tiefsten Herzen der Demokratie angekommen. Claudia Roth! Mehr parlamentarische Innerlichkeit geht nicht.
Neben dem Johannes stand Reinhard Brandl. Er hielt den denkwürdigen Moment begeistert mit dem Smartphone fest. Es kommt zweifellos nicht allzu oft vor, dass Journalisten auf Knien zu Füßen führender Politiker ihrer Arbeit nachgehen. Auch ein Reinhard Brandl erlebt das sicher, sagen wir mal, jetzt nicht täglich. Man muss freilich dazusagen, dass der Johannes an jenem Tag nicht als Journalist im Einsatz war, sondern als Künstler, dem ein Politiker den Weg in ein verschlossenes Reich der Ästhetik bereitet hatte. In diesem Lichte betrachtet, scheint Johannes' einmaliges Wirken als Systemmedium schon in Ordnung zu gehen.

Er selbst kann zu jeder Aufnahme eine nette Anekdote erzählen. Wir Betrachter verharren staunend vor den Fotos, gewahr der Erkenntnis: Mit dem Fischauge sieht man besser. Denn mit dem Fischauge schwimmt unsere Wahrnehmung zu neuen Ufern – gut, zugegeben, das war jetzt ein schiefes Bild. Aber definitiv das einzige schiefe Bild hier, heute Abend.

Ich wünsche viel Freude beim Entdecken der Ausstellung und danke für die Aufmerksamkeit.